19-04-2020
Schlägt Gott uns? - Die fünf Seiten Gottes
Hebrews 12:4-7 von Jens Kaldewey
In dieser Predigt verbinde ich eine heikle, heutzutage schwer zumutbare Bibelstelle (Hebr 12,4-7) mit einem Traum, den ich im April 2020 träumte, eine Botschaft, die meines Erachtens nicht nur für mich selber war. Ich bette darin das schwierige Thema des "Von Gott geschlagen werdens" in einen größeren Zusammenhang ein. Gott hat viele Ausdrucksweisen seiner Liebe: Heiligkeit, Schläge, Zärtlichkeit, Spiel und Alltag. Neugierig geworden? Dann hören Sie diese Botschaft. Sie liegt diesmal auch in schriftlicher Form vor. Nach der Predigt findet sich noch eine kontemplative Übung, mit der man die Botschaft der Predigt gut verinnerlichen und tiefer im eigenen Herzen verwurzeln kann.
Serie: Glaubensleben & Nachfolge

Schlägt Gott uns? - Die fünf Gesichter Gottes

Liebe Gemeinde,

in dieser Predigt mute ich euch ein heikles Thema zu: Schlägt Gott seine Kinder? Wie können wir solche Schläge verstehen? Ich habe noch nie über dieses Thema gepredigt, jedenfalls nicht so direkt. Ein sehr klarer und intensiver Traum vor einigen Tagen hat mich dazu veranlasst, dieses Thema einmal anzugehen. In diesem Traum hat Gott mich geschlagen, aber dieses Geschlagen werden war nur eine Szene innerhalb des Traumes. Ich merkte, dass die Schläge Gottes eingebettet sind in einen viel größeren Zusammenhang und dass sie auf keinen Fall isoliert betrachtet werden dürfen. Deshalb lautet mein Predigtthema auch nicht: Die Schläge Gottes, sondern "Die fünf Gesichter Gottes".

1.     Schlägt Gott?

Doch unser Ausgangstext erzählt uns sehr klar davon, dass Gott seine Kinder schlägt.

Hebräer 12,4–7 (NGÜ NT+PS)

4Bisher habt ihr in dem Kampf gegen die Sünde, den wir alle zu führen haben und in dem auch ihr steht, noch nicht das Leben lassen müssen.

5Außerdem dürft ihr jenes ermutigende Wort in der Schrift nicht vergessen, das an euch als Gottes Kinder gerichtet ist. »Mein Sohn«, heißt es dort, »lehne dich nicht dagegen auf, wenn der Herr dich mit strenger Hand erzieht! Lass dich nicht entmutigen, wenn er dich zurechtweist!

6Denn wen der Herr liebt, den erzieht er mit der nötigen Strenge; jeden, den er als seinen Sohn annimmt, lässt er auch seine strafende Hand spüren.«

7Wenn ihr also Nöte durchmachen müsst, dann seht darin Gottes Absicht, euch zu erziehen. Er macht es mit euch wie ein Vater mit seinen Kindern. Oder gibt es einen Sohn, der von seinem Vater nicht mit strenger Hand erzogen wird?

Die Neue Genfer Übersetzung in ihrer wohlgemeinten Absicht, uns nicht zu viel zuzumuten, zeichnet hier weich, wenn sie davon spricht, dass Gott uns mit der nötigen Strenge erzieht, oder sie seine strafende Hand spüren lässt. Schon das empfinden viele Nichtchristen, aber auch einiges seiner Kinder als nicht zumutbar, das passt doch nicht zu Gott.

Dummerweise geht die wörtlichere und genauere Elberfelder Übersetzung noch darüber hinaus. Sie spricht von Schlägen, die Gott verabreicht: "Er schlägt aber jeden Sohn, den er aufnimmt."

Gott erzieht uns mit strenger Hand. Auch das gehört zu ihm. Es ist aber nicht etwas, was außerhalb seiner Liebe passiert, so nach dem unsäglichen und furchtbar falschen Motto, dass Gott Liebe übt und Strenge.

Manchmal Liebe, manchmal Strenge.

Nach unserem Wort hier ist die Strenge Ausdruck seiner Liebe. Strenge ist ein Werkzeug der Liebe. Bei Menschen ist das oft anders. Da ist Strenge häufig ein Werkzeug von Ungeduld und Selbstsucht und Lieblosigkeit.

Wenn ihr also Nöte durchmachen müsst, dann seht darin Gottes Absicht, euch zu erziehen. Er macht es mit euch wie ein Vater mit seinen Kindern. Oder gibt es einen Sohn, der von seinem Vater nicht mit strenger Hand erzogen wird?

Ich meine, dass wir das mit Fug und Recht übertragen dürfen auf die Situation der Corona-Virus-Krise, die zum Zeitpunkt dieser Predigt noch voll im Gange ist, aber auch auf viele andere Krisen. Sei es, dass sie uns persönlich betreffen, sei es, dass wir daran teilhaben, weil es eine größere familiäre, regionale oder gar globale Krise ist. Sogenannte Schicksalsschläge dürfen wir hier mithineinnehmen, aber auch chronische Krankheiten oder Schmerzen, und alles, was wir als akuten Mangel wahrnehmen, der so richtig weh tut. Missbrauchs – und Gewalterfahrungen, sogenannte Traumata sind selbstverständlich nicht gemeint. Hier schlägt nicht Gott, hier schlägt der Böse durch ihm dienende Menschen. Gott in Christus steht weinend daneben, in tiefstem göttlichen Mitleid, bereit und fähig, in der Zukunft des Betroffenen zu heilen und wiedergutzumachen.

Krisen als Schläge Gottes? Ja. Gott lässt sie geschehen und fügt uns damit Schmerzen zu. Auch seinen Kindern. Ich schiebe jedoch eine Einschränkung hinterher: Damit ist sicher nicht eine Krise erschöpfend begründet. Damit ist lediglich ein Aspekt, eine Dimension der ganzen Geschichte erklärt. Mehr nicht, aber das sehr wohl. Es ist falsch zu sagen: Gott hat mit dieser Krise direkt nichts zu tun. Sicher ist das kein Schlag Gottes. Genauso verkehrt ist es zu behaupten: Diese Krise ist das Gericht Gottes über eine abgefallene Menschheit und eine laugewordene Christenheit. Das ist alles zu eindimensional und zu monokausal, d.h. diese Krise hat nur eine einzige Ursache und einen einzigen Grund. Ich habe mich für diese Einsicht entschieden: Gott mischt in dieser Krise mit und durch diese Krise hindurch übt er auch Vergeltung und schlägt auch. Aber er tut auch eine Menge anderes.

Gott hat eine strenge Hand, die schlägt und eine zärtliche Hand, die streichelt. Beide Hände werden von der Liebe bewegt. Auch in dieser Krise bewegen sich beide Hände und je nach Person und Volk mehr die eine, mehr die andere.

Das betrifft aber auch andere gegenwärtige und zukünftige Nöte. Gesegnet ist, wer die beiden Hände Gottes mindestens ein wenig erkennen und identifizieren kann.

Selbstverständlich bewegt sich auch das Böse in all dem. Der Teufel bleibt nicht untätig, er hat seine teuflische Agenda, aber Gott, der weiseste und beste Erzieher hat seine und die ist stärker und langfristiger.

Schlägt Gott wirklich?

Als Jakob vor der Begegnung mit seinem Bruder Esau mit dem Engel des Herrn am Jabbok kämpfte, renkte der Engel ihm die Hüfte aus. Das Ausrenken der Hüfte bei einem gesunden Menschen gehört zum Schmerzhaftesten, was ein Mensch erleben kann. Jakob hinkte übrigens danach sein Leben lang bis zum Tod. 1.Mose 32.

Er hat Mose geschlagen, als dieser seine Vollmacht benutzte, genervt vom Schimpfen des Volkes, Wasser aus dem Felsen strömen zu lassen, ohne Gott dafür die Ehre zu geben. Er durfte nicht mit seinem Volk in das verheißene Land gehen, obwohl er dieses Volk im Namen Gottes aus Ägypten geführt und es vierzig Jahre lang als treuer Verwalter begleitet hatte. Können wir uns vorstellen, wie weh das tat? 4.Mose 20.

Er hat David seine Schuld vergeben, Mord und Ehebruch, bestrafte ihn aber mit Konsequenzen. Das Kind aus der Verbindung mit Bathseba starb, und der Prophet kündigte an: "In deinem eigenen Haus wirst du Krieg haben". Was später unter Davids Söhnen alles passierte, Aufruhr, Vergewaltigung, Mord, Rebellion, schmerzte enorm. Harte Schläge Gottes – doch die Beziehung zwischen Gott und David blieb intakt bis zum Schluss. 2.Samuel 11

Ananias und Saphira wurden sehr hart von Gott angefasst. Beide starben urplötzlich, weil sie in aller Öffentlichkeit bewusst Petrus angelogen hatten, getrieben vom Anliegen, angesehene Christen zu sein. Apg. 5

Paulus wurde nicht bestraft von Gott, aber es wurde ihm ein Stachel ins Fleisch gegeben, ein Engel Satans, von Gott gegeben, mit dem liebevollen Ziel, die hohe Gefährdung des Hochmuts zu mindern und Paulus ganz von der Gnade abhängig zu machen. "Stachel im Fleisch", dahinter verbirgt sich auf jeden Fall eine bleibende und sehr mühsame Plage. 2.Korinther 12.

2.     Der Traum

Ich möchte euch nun einen Traum zu erzählen, den ich heute Nacht hatte. Einen Traum von seltener Klarheit und Deutlichkeit. Als ich mitten in der Nacht aufwachte und darüber nachdachte, meinte ich, anders als bei anderen Träumen, zu erkennen, dass Gott mir darin nicht nur für mich persönlich eine Botschaft gegeben hat, sondern auch anderen. Es ist ein sehr persönlicher Traum, aber er weist über mich hinaus.

Ich befinde mich in einer Art großem Wohnzimmer. Dort warte ich auf jemanden, ich glaube Kathi, meine Frau und noch jemandem. Die Atmosphäre verändert sich. Ich spüre, in der hinteren rechten Ecke des Raumes manifestiert sich eine heilige Gegenwart. Ich empfinde, dahinten ist etwas, etwas ganz Heiliges. Aber auch Faszinierendes, Anziehendes.

Ich nähere mich dieser Ecke und je näher ich komme, desto stärker wird ein erschreckendes Empfinden der Heiligkeit Gottes. Diese Heiligkeit Gottes wird so stark, dass ich mich unter dem Schrecken und dieser Last der Heiligkeit Gottes auf den Boden werfe und mich ganz eng zusammenrolle. Ich fürchte mich sehr, aber es ist keine finstere peinigende Angst, es ist nicht der Schrecken, den ich in früheren Träumen bei Begegnungen mit finsteren Mächten gespürt habe. Es ist etwas Anderes.

Ich liege am Boden und spüre den Schrecken des Heiligen Gottes.

Dann merke ich, wie ich geschlagen werde, stark und intensiv auf mein Gesäß. Etwas schlägt mich. Ich weiß, es ist Gott, ich weiß es irgendwie genau. Es schmerzt, aber es ist trotzdem irgendwie zu ertragen. Ich weiß nicht wofür. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Trotzdem steigt der deutliche Gedanke in mir hoch, in dieses Von-Gott-geschlagen-werden ganz einzuwilligen, es nicht nur passiv zu ertragen. Ich bete mit ganzer Kraft und von ganzem Herzen: "Danke, Vater, für diese Schläge. Ich bin einverstanden damit, hundertprozentig. Ich nehme sie an." Ich empfinde es nicht als ein ohnmächtiges sich Unterwerfen, sondern eher als ein vertrauensvolles Einwilligen.

Sekunden später hören die Schläge auf.  Es wird still. Sehr still. Ich spüre eine Hand, die sich vorsichtig und zärtlich unter mich schiebt.  Sie dreht meinen Oberkörper nach oben. Ich weiß, gleich werde ich in das Gesicht desjenigen sehen, der mich geschlagen hat. Ich bin sehr gespannt und gleichzeitig angespannt. Werde ich jetzt wohl Jesus sehen? 

Es taucht ein Gesicht über mir auf, meinem Gesicht ganz nahe. Überraschung. Es ist das Angesicht eines Jungen, merkwürdigerweise weiß ich sofort, dass es ein Hirtenjunge ist. Vielleicht zwölf Jahre alt, an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Es ist ein reines, schönes Gesicht. Wunderschöne Haut. Längere dunkle Haare umhüllen es. Die Augen schauen mich an, gütig, rein, mild, sanft, voller Frieden und voller Klarheit. Aber auch sehr selbstbewusst. Diese Junge in seiner Güte und Zartheit weiß, was er will. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass dieses gegenseitige Anschauen der dichteste Moment im Traum ist, der wichtigste, die Mitte des Traumes. Das ist das Zentrum.

Irgendwie gibt mir der Junge nun zu verstehen, dass er mit mir spielen will. Er kriecht auf dem Boden vor mir her, ich krieche hinter ihm her und wir kommen in den Modus: zwei Kinder spielen miteinander.

Die Szene wechselt. Ich bin immer noch in dem Raum, stehe, inzwischen sind Kathi und noch eine Person gekommen. Ich frage sie: Habt ihr gesehen, was passiert ist? Kathi antwortet: Wir haben nichts gesehen. Wir kamen hier herein, du lagst am Boden und hast irgendwie mit den Augen geblinzelt, sonst war nichts. Wir machen uns fertig, den Raum zu verlassen.

Ich wache auf.

Ich lege euch einige Gedanken zu diesem Traum vor, die sich in den Tagen danach entwickelt haben. Ihr könnt sie gerne weiterdenken und ergänzen. Es ist sozusagen eine prophetische Auslegung, die ihr auf jeden Fall prüfen dürft und prüfen sollt.

Gott darf nicht auf eine einzige Verhaltensweise festgelegt werden.

Auch jetzt in dieser Krise nicht, auch nicht bei andern Nöten und Krisen, so nach dem Motto:  Wenn Gott Gott ist, dann stellt er dieses Elend augenblicklich ab. Oder: Nun bestraft Gott endlich die Menschheit, das war höchste Zeit.

Das wäre der Bruch des zweiten Gebots: Du sollt dir kein Bildnis von Gott machen, d.h. du sollst dir keine einseitige und fixe Vorstellung von Gott machen.

Gott hat nicht nur eine Ausdrucksweise.

Gott ist zunächst der heilige Gott.

Zum Fürchten. Unendlich erhaben. Ich sehe ihn nicht, wir sehen ihn nicht, aber wir ahnen ihn. Er ist der, durch den alle Dinge sind, von dem alle Dinge sind, und zu dem alle Dinge sind. Er tut, was er will und das Recht hat er. Er ist uns unfassbar überlegen.  "Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten."

Er ist der, von dem der Prophet Jesaja schreibt:

Jeremia 18,3–8 (GN)

Ich ging hin und fand den Töpfer bei seiner Arbeit an der Töpferscheibe.

Wenn ihm ein Gefäß unter den Händen misslang, dann machte er aus dem Ton ein anderes, ganz wie er es für richtig hielt. Da erging das Wort des Herrn an mich, er sagte: »Kann ich es mit euch Leuten von Israel nicht genauso machen? Wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand. Einmal sage ich zu einem Volk oder Königreich, dass ich es ausreißen oder zerstören will. Wenn dann aber dieses Volk sich ändert und sein böses Treiben lässt, tut es mir Leid und ich führe nicht aus, was ich ihm angedroht habe.

Und im gleichen Kapitel unseres Ausgangstextes steht, in Vers 29: Denn eines dürfen wir nie vergessen: Unser Gott ist wie ein Feuer, das alles verzehrt.

Gott ist auch derjenige, der uns hart anfasst.

Er schlägt, er fügt Schmerz zu. Aus verschiedenen Gründen, die nicht immer einsichtig sind, aber es sind immer gute Gründe. Gute Gründe. Sag ja zu diesen Schlägen. Willige ein, in tiefem Vertrauen. Wehre dich nicht. Lass es geschehen. Vermeide den dumpfen Fatalismus, der mit zusammengebissenen Zähnen sich fügt. Bete mit Charles Foucauld, der sich als Lebemann mit einem sehr amoralischen Lebensstil in seinen Zwanzigern zu Gott bekehrte, dann Mönch wurde und später in der algerischen Wüste den Märtyrertod starb.

"Mein Vater, ich überlasse mich dir. Mache mit mir, was dir gefällt. Was immer du mit mir tun magst, ich danke dir. Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an. Wenn sich nur dein Wille an mir erfüllt und an deinen Geschöpfen, ersehne ich weiter nichts. In deine Hände lege ich meine Seele, ich gebe sie dir, mein Gott, mit der ganzen Liebe meines Herzens, weil ich dich liebe und diese Liebe mich treibt, mich dir hinzugeben, mich in deine Hände zu legen, ohne Maß, in grenzenlosem Vertrauen, denn du bist mein Vater."

Selten hat es jemand so gut auf den Punkt gebracht wie Paul Gerhard, der das berühmte Lied gedichtet hat: Sollt ich meinem Gott nicht singen. Mit der ersten Strophe sind wir natürlich voll einverstanden:

Soll ich meinem Gott nicht singen?

Sollt ich ihm nicht dankbar sein?

Denn ich seh in allen Dingen,

wie so gut er's mit mir mein´.

Ist doch nichts als lauter Lieben,

das sein treues Herze regt,

das ohn Ende hebt und trägt,

die in seinem Dienst sich üben.

Alles Ding währt seine Zeit,

Gottes Lieb in Ewigkeit.

Auch ich gehe völlig damit eins und sage mir diese Zeilen oft laut vor.

Aber im gleichen Lied steht auch das:

Seine Strafen, seine Schläge,

ob es mir gleich bitter scheint,

dennoch, wenn ich's recht erwäge,

sind es Zeichen, dass mein Freund,

Der mich liebet, mein bedenke

und mich aus der schnöden Welt,

die mich hart umfangen hält,

durch das Kreuze zu ihm lenke.

Gut, sagen wir, dass ist das siebzehnte Jahrhundert. Na ja…

Doch zweihundert Jahre später wurde ein Lied sehr beliebt, das Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutsch übersetzt wurde: Oh lasst uns mit Jauchzen erheben, den Schöpfer und Herrscher der Welt, des Herrn, von des Güte wir leben, des Allmacht uns trägt und erhält.  Wunderbar, ich schließe mich dem an. Aber auch hier gibt es noch eine andere Strophe:

Und hat sein Hand uns geschlagen, so hatte er dennoch uns lieb. Und gab es auch Lasten zu tragen, die Hoffnung der Herrlichkeit blieb.

Welche Strophe ist die richtige? Beide!

Singen wir doch und leben wir doch bitte alle Strophen Gottes und versuchen ja nicht, in in eine einzige Liedstrophe hineinzuzwängen. Dazu ist er einfach zu groß, zu erhaben, zu weise.

Gott als Hirtenjunge

Doch der Traum hört nicht mit den Schlägen auf. Es heißt nicht umsonst:

Der Herr verstößt uns nicht für immer. Auch wenn er uns Leiden schickt, erbarmt er sich doch wieder über uns, weil seine Liebe so reich und groß ist. Es macht ihm selbst keine Freude, seinen Kindern Schmerz und Kummer zu bereiten. (Klagelieder 3,31–33)

Nur einen Augenblick trifft uns sein Zorn, doch lebenslang umgibt uns seine Güte. Am Abend mögen Tränen fließen – am Morgen jubeln wir vor Freude. Psalter 30,6 (GN)

Gott ist ebenfalls jemand, der unendlich zärtlich ist und uns sehr nahekommt, wie ein Kind.  Er ist Mensch geworden. Nachdem er uns geschlagen hat, zeigt er uns wieder eine ganz andere Seite, eine zutiefst menschliche, barmherzige, nahbare. Hirtenmäßige.

Er begegnet uns im Angesicht Christi. "Wer mich sieht, sieht den Vater" sagt unser Herr Jesus Christus.

Warum habe ich Jesus wohl als zwölfjährigen Jungen gesehen? Als Hirtenjunge? Wahrscheinlich, um mir seine sanftmütige und gewaltlose Seite zu zeigen, aber auch, um mich an David zu erinnern, der trotz seines jugendlichen Alters mit Löwen und Bären kämpfte, um die Schafe seines Vaters zu beschützen. Diese heilige Entschlossenheit sah ich auch im Gesicht dieses Jungen.

Er sieht mich an. Er sieht mir in die Augen. Klar und ruhig und tief.  Er nimmt mit mir Kontakt auf, persönlichen Kontakt. Gott und ich, wir begegnen uns. Dieses zarte von den spürbaren Händen  Gottes zu sich gewendet werden, dieses Angeschaut werden - das ist eine viel direktere, viel intimere Begegnung als die Begegnung mit dem Heiligen  Gott und mit dem Gott, der schlägt, obwohl auch das echte Begegnungen waren. Und ich habe es bereits erwähnt: diese Mitte des Traumes ist auch die Mitte der Gotteserkenntnis überhaupt, daran halte ich fest. Gott ist nahe. Gott ist zärtlich. Gott schaut mich an. Gott hat seine Hand unter mein Leben geschoben.

Nun kommt noch eine weitere Dimension hinzu. Gott spielt auch mit uns, er kommt noch weiter auf unsere Ebene herunter. Auch das hat Platz bei ihm.

Genau das habe ich in den letzten Jahren oft gemacht. Mit meinen Enkeln bin ich am Boden herumgekrochen, ich hinter ihnen her, sie hinter mir her – und bei aller Anstrengung habe ich es genossen. In diesen Enkelerlebnissen ist Gott gegenwärtig. In ihnen begegnet er mir. Aber nicht nur dort. In jeder Art von Spiel. Nicht Glücksspiel, nicht maßloses Gamen, aber im entspannten, fröhlichen Spiel mit Menschen, die wir gerne haben. Dort manifestiert sich eine Seite Gottes. Sie ist wichtig und darf nicht vernachlässigt werden. Wenn ich mit meiner Frau spiele, wenn ich mit Freunden spiele, in allen schönen Spielszenen des Lebens, die es ja auch gibt – darin manifestiert sich Gott, da ist er dabei, er spielt mit und freut sich mit uns.

Spaß und Spiel – auch Gottes Ziel.

Der heilige Gott, der schlagende Gott, der zärtliche Gott, der spielende Gott, das alles gehört zu ihm. Aber da war der Traum ja noch nicht fertig. Zum Schluss kam Kathi, um mich abzuholen. Und die Begleitperson steht wohl für alle übrigen meiner "Bezugspersonen." Freunde, Kinder, Geschwister. Auch in ihnen zeigt sich mir Gott, holt mich ab. Immer stärker wird in meinem Leben der Eindruck, dass Gott mir tatsächlich handfest in meiner Frau begegnet. In all dem, was sie für mich tut, und das ist sehr viel.

Während ich dies schreibe, wird mir noch eine weitere Dimension bewusst. Warum holt mich meine Frau dort in diesem Raum ab? Um aus diesem besonderen Raum wieder mit mir in das normale Leben zu gehen, in den Alltag. Meine Frau symbolisiert die mir geschenkten Umstände in dieser Welt. Mein normales alltägliches Leben, mit dem ich sozusagen verheiratet bin, Scheidung ist nicht möglich. Und da ist Gott! Genau da! Gott begegnet mir auch im Normalen meines Lebens. Keine Schläge, keine Zärtlichkeiten, kein Spiel – aber seine leise unaufdringliche Gegenwart.

Ich habe die Botschaft begonnen mit einem schwierigen Text über die Schläge Gottes. Mein Traum bettet diesen Text ein in einen größeren Zusammenhang und macht ihn so hoffentlich besser verständlich und besser annehmbar.

Lasst uns bitte die verschiedenen Seiten Gottes nicht gegeneinander ausspielen. Wir dürfen aber Schwerpunkte setzen, ich tue es: Das zärtliche Umfasst werden von Gott und das Angeschaut werden von ihm, aus unmittelbarer Nähe, zwanzig Zentimeter höchstens entfernt – das ist für mich doch recht nahe an der Mitte.

In der Auferstehung werden wir dann den König sehen in Gestalt eines Bräutigams, mit dem Gesicht eines brennenden, leidenschaftlichen und unendlichen zärtlichen Liebhabers. Geschlagen werden wir dann nicht mehr - Schläge sind tatsächlich in jeder Beziehung etwas Vorübergehendes. Aber verachte sie nicht und weiche ihnen nicht verzweifelt aus. Sie sind nicht das letzte Wort Gottes.

3.     Vertiefungsvorschlag: Eine kontemplative Übung zur Botschaft

Drittens – ein hilfreiches kontemplatives Gebet

In meinen Schweigezeiten vor Gott, wo ich sehr wenig Worte mache, bete ich oft mit einfachen Wiederholungsgebeten, die dann immer wieder abgelöst werden von Zeiten des Schweigens, die dann wieder abgelöst werden, wenn die Gedanken abschweifen, vom Wiederholungsgebet. Heute morgen habe ich im  Anschluss an die Predigt gestern und die Texte von Eckehart ein kontemplatives Wiederholungsgebet entwickelt, was vielleicht auch euch dient.

Ihr betet es lautlos, ohne die Stimmbänder zu verwenden. Das hat den Vorteil, dass man auch beim Einatmen Worte formen kann, man kann also beim Einatmen und Ausatmen beten. Und hier das Gebet, was vor dem Bindestrich steht, wird lautlos beim Einatmen gesprochen, was nach dem Bindestrich steht, wird beim Ausatmen gesprochen. Lernt das Gebet auswendig, das geht schnell und dann versucht es einmal.

Abba – Vater

In Jesus  – Christus

immer – in allem

willst du – das Beste

tust du – das Beste

zu meinem – Besten

Dieses Wiederholungsgebet, mit dem Atem verbunden, kann dann 5-20 Minuten dauern.